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Rems-Zeitung Schwäbisch Gmünd,
Dienstag, 26. Oktober 2004

Rhythmus und Gefühle mit "Revista do Samba" aus Sao Paolo beim Gschwender Musikwinter
Samba - weit mehr als Karneval und Tänzerinnen im Tanga

Samba? Natürlich - das sind die gut gebauten Mädchen, die im ultraknappen Tanga über die Bühne hopsen und beim Karneval in Rio auf den Straßen tanzen! Dass dieser brasilianische Rhythmus ein ganz anderes Gesicht haben kann, zeigte das Trio "Revista do Samba" aus Sao Paolo beim Geschwender Musikwinter am vergangenen Samstag...

Das Wort "Revista" im Namen des Ensembles bedeutet "Rückschau", und dies ist ein Fingerzeig, nach welchen Kriterien das Programm auf den CD's und bei den Live-Auftritten zusammengestellt wird. Die Lieder der drei Musiker aus der brasilianischen 20-Millionen-Einwohner-Stadt gehen zurück zu den Wurzeln des Samba. Zurück in jene Tage, als Samba noch nicht zu einer Touristenattraktion auf Showbühnen stilisiert wurde. Samba war immer - und ist es im brasilianischen Volk noch heute - Ausdruck eines Lebensgefühls, das der Seele entspringt und via Trommel-Rhythmus in den Körper geht.

Und so hat der Samba-Rhythmus über jenes Bild hinaus, das die Medien nach Übersee transportieren, ein zweites Gesicht, in dem es nicht nur ausgelassene Fröhlichkeit und schwingende Hüften gibt, sondern Gefühle wie Sehnsucht ("saudade" - ein Wort, das in vielen Lieder vorkommt) gibt, aber immer auch Hoffnung und freudige Erwartung ("Esperanza"). Dergestalt wurde der Samba im Konzert im einen oder andern Stück zum jazzig-melancholischen Rumba.

In den von Leticia Coura gesungenen Liedern geht es zum Beispiel um verflossene Liebe, um die Mutter Gottes, um das Warten am offenen Fenster auf die Heimkehr des geliebten Mannes. Die Texte sind klar und doch voller Alltags-Poesie, mal schwärmerisch, mal sentimental - aber nie in jener Weise kitschig, wie man dies von Trallala-Liedchen aus der deutschen Unterhaltungsindustrie her kennt.

Dass alles so authentisch wirkt, lag nicht zuletzt an der Sängerin, die auf der Bühne zwar nicht tanzte, aber doch mit dem ganzen Körper und vor allem mit ihrer Mimik dem Samba Ausdruck verlieh. Ihre knappe Inhaltsangabe der portugiesischen Texte war für das Publikum hilfreich.

Die Stimme der Sängerin wurde umrahmt von nur wenigen Instrumenten, und die Elektronik beschränkte sich auf einfache Verstärker; doch dank der Virtuosität der Musiker wurde der Raum mit Melodie und Rhythmus ausgefüllt, wie man es normalerweise nur bei größeren Ensembles erlebt. Beto Bianchi unterlegte die Texte mit melodischem Gitarrenspiel und Leticia Coura spielte den Ryhthmus auf dem "Cavaquinho" (die brasilianische Form der vierseitigen Ukele), während Vitor da Trindada als Meister der Percussion ein gewaltiges Klangspektrum produzierte, von dem man kaum glaubte, dass ein einziger Mann dies ohne Synthesizer erzeugen kann. Die beiden Männer unterstützten ihre Sängerin auch gesanglich, blieben dabei aber gewollt im Hintergrund.

Die fast schon minimalistische Ausrüstung des Ensembles zeigte zum einen, das weniger eben doch oft sehr viel mehr sein kann, und verweist zum anderen auf die Ursprünge des Samba als Musik des Volkes. Die drei "Paulistas" könnten ohne weiteres auch als Straßenmusikanten oder in kleinen Bars auftreten, ohne Verstärker und "unplugged", zumal für alle drei der verbale Kontakt zum Publikum wichtig ist.

Dies gelang ihnen mit Hilfe von Humor, Natürlichkeit und Charme in der vollbesetzen Gschwender Gemeindehalle trotz der Sprachbarriere erstaunlich gut. Der Funke sprang durchaus über, so dass nicht wenige im Publikum bei den heiter-schwungvollen Kompositionen wohl auch gerne getanzt hätten, wenn genug Platz dafür gewesen wäre. "Das Publikum hier in Gschwend war sehr aufmerksam und interessiert", sagte Leticia Coura nach dem Konzert in der Garderobe und machte keinen Hehl daraus, dass dies in Deutschland nicht immer und überall so sei.

Bei dieser Gelegenheit erzählten die drei auch, wie sie selbst zu dieser Art von Samba kamen. "Bei Festen in unseren Familien wurden Instrumente zur Hand genommen, und es wurde einfach gesungen - Lieder, mit denen jeder etwas anfangen konnte, weil die Texte dem Alltag, dem ganz normalen Leben von Menschen entsprangen. Und dieser Tradition des Musizierens in ursprünglicher, spontaner Art, sind die Mitglieder von "Revista do Samba" auch beim Musikstudium und als Profis treu geblieben.