Rems-Zeitung, Schwäbisch Gmünd
Samstag, 15. November 2003
Autor: Wilhelm Lienert
Am Grabe der Stammväter darf es keinen
Bruderzwist geben
Professor Krochmalnik erläuert beim
Gschwender Musikwinter das Judentum
Sowohl Christentum als auch Islam seien ohne das
Judentum nicht möglich, daher also sei die jüdische
Religion allen Christen vertraut. Doch auch die Unterschiede
zeigte Daniel Krochmalnik bei der Auftaktveranstaltung der "Religionenreihe"
des Gschwender Musikwinters auf. In der regen Diskussionsrunde
wurden dann Glaubens- und Lebensfragen erörtert und mit
viel hintersinnigem Humor und einem bisschen Chuzpe der gewünschte
Einblick in die Wurzeln und Traditionen des Judentums gegeben.
Er ist Dozent an der Hochschule für jüdische Studien
in Heidelberg, erwies sich jedoch als ausgezeichneter Theologe,
der auch in den anderen Religionen "zu Hause" ist.
Prof. Daniel Krochmalnik hielt am Mittwoch im Bilderhaus in
Gschwend einen ausgezeichneten religiös-historischen Kurzvortrag
und wusste auf alle Zuhörerfragen kompetente, leicht verständliche
und oft noch humorvoll vorgetragene Antworten.
Das Judentum ist für die Deutschen keine Fremdreligion,
die Bibel wie auch der Koran vermitteln den kulturellen Hintergrund
und basieren alle auf dem Alten Testament. Mit genauen Belegstellen
zeigte er jedoch die Unterschiede auf, die zu den heutigen weltanschaulichen
Differenzen führen. Laut jüdischer Lesart schuf Gott
den Menschen, nicht Mann und Frau, somit ist die Gleichberechtigung
der Geschlechter außer Frage. Und wenn die Jüdin
in der Synagoge keine rolle Spielt, so ist dies nicht fehlende
Emanzipation, sondern weil sie mit der Leitung des Hauses und
dem Verdienen ausgelastet ist und religiöse Würden
für sie unwichtig sind. Dann deutete er das alttestamentarische
Judentum als eine Religion der Unterdrückten, der Sklaven,
denen Gott beistehe. So konnte sich das Alte Testament verbreiten
und vor 2000 Jahren von den Christen und 600 Jahre später
von den Moslems erneut als Grundlage ihres Glaubens genutzt
werden. Hier sah Krochmalnik auch einen entscheidenden Unterschied:
Das Judentum ist keine missionarische Religion, die Verbreitung
des Alten Testaments übernahmen Christentum und Islam.
Israel ist für ihn weder der gleichnamige Staat noch das
Volk, sondern eine neue Art von Menschheit, eine solidarische
Menschheit die auf seiten der Schwachen steht. Und hier kam
Krochmalnik über die Duldsamkeit auf den Alltag der Juden
in der Diaspora. Das Leben in Israel sei keine Herausforderung,
dort sei alles auf die Lebensgewohnheiten und -bedürfnisse
der Juden abgestimmt. Jedoch in Europa erfordere das Judentum
von den Bekennenden eine klare Abgrenzung gegenüber der
Mehrheit. So sei der Sabbat, also der Samstag, der heilige Tag,
der Christen wie Moslems zum Einkaufen lade, so sei der Kauf
von koscheren Lebensmitteln oft ein Problem, so seien die jüdischen
Feiertage Tage des Innehaltens inmitten der pulsierenden christlichen
Welt, die davon keine Notiz nehme. Vom siebenarmigen Leuchter
ausgehend erläuterte er die Bedeutung der Zahl sieben von
Sabbatjahr über das nach sieben mal sieben Jahren stattfindende
Jubeljahr, die sieben Feste, die sieben Tage dauerten und die
eben eine andere Denkweise erforderten.
Doch auch unter den Juden gebe es gläubigere und weniger
gläubige. Als überholte Randerscheinung betrachtete
er die orthodoxen Juden, die Gebräuche aus dem 18. Jahrhundert
beibehielten und mit ihrer Kleidung oder ihrer jiddischen Sprache
dokumentierten. Andererseits sei es wichtig, seinen Namen zu
behalten und es sei den Juden nie gelungen, sich mit der Namensgebung
in die Gesellschaft einzugliedern.
Isidor statt Isaak sei ein Versuch gewesen, doch sei er von
der christlichen Gesellschaft dadurch unterlaufen worden, dass
sie ihrerseits dann diese Namen mied. Die Ausgrenzung sei also
beidseitig gewollt.
Dennoch plädierte Prof. Krochmalnik für ein friedliches
Neben- und Miteinander, vor allem in Palästina, dem heutigen
Staat Israel und dem Westjordanland. Für ihn sind sowohl
ein Israel ohne Araber wie ein arabisches Palästina ohne
Juden nicht vorstellbar, zu heilig sei dieses Land allen Religionen.
Deshalb kann für ihn der Frieden nur dann eintreten, wenn
das Miteinander erreicht wird, wie es in Europa heute möglich
ist.
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