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Schwäbische Post, Aalen
Montag, 24. November 2003
Autor: Werner Jany

Törichtes Sehnen

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht". Dieses wohl geläufigste Heine-Zitat beschreibt treffend die Beziehung des Dichters zu seinem Vaterland. Was Heine selbst in den "Nachtgedanken" auf einen kurzen Nenner bringt, reimt er in "Deutschland, ein Wintermärchen" in epischer Version.

Heine verfasste das Wintermärchen 1844, nachdem er im Jahr zuvor Deutschland aus dem französischen Exil besucht hatte. Die Reiseerzählung in Versform ist die Geschichte einer unerwiderten Liebe. Eine Liebeserklärung an das Land, in dem er geboren wurde und in dessen Sprache er bis zu seinem Tod schrieb. Seine tiefen Gefühle, die ohne Gegenliebe bleiben, tragen alle Elemente einer Hassliebe: Kritik, Spott, Sarkasmus.

Der Sychronsprecher, Rezitator und Schauspieler Christian Brueckner lieh am Samstag in Gschwend Heinrich Heine seine Stimme. Einfühlsam, zurückhaltend, ohne große Gesten nahm er das Publikum mit auf Heines Reise durch das winterliche Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhundert.
Der Grimme-Preisträger des Jahres 1990 war im Bilderhaus nicht der Märchenerzähler, sondern der Vermittler von Heines Gefühlen und Gedanken. Je länger er las, desto mehr hing das Publikum an seinen Lippen. Da saß nicht mehr Christian Brueckner auf dem Podest, sondern Heinrich Heine selbst.
Die Reise in das triste Deutschland im November beginnt für Heine mit dem alten Entsagungslied, das auch 160 Jahre später nicht in Vergessenheit geraten ist. Dass man "einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel", nicht nur Heine und seine Zeitgenossen kannten die Weise, den Text und die "Herren Verfasser", die "tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser".

Heines Kritik an der Obrigkeit, seine Zweifel an der Kirche, sein Verzweifeln am Untertanengeist "Sie stelzen noch immer so steif herum, so kerzengerade geschniegelt, als hätten sie den Stock verschluckt mit dem man sei einst geprügelt", das ist nicht nur Stoff der Literaturgeschichte.
"Ich glaube Vaterlandsliebe nennt man dieses törichte Sehnen". Vaterlandsliebe und Patriotismus, sind in der aktuellen politischen Debatte wieder - oder immer noch - ein Thema. "Ich spreche nicht gerne davon, es ist nur eine Krankheit im Grunde, verschämten Gemüts verberge ich stets dem Publikum meine Wunde ." "Ein neues Lied, ein besseres Lied, oh Freunde, will ich euch dichten!" Das Versprechen Heines aus dem ersten Caput des Wintermärchens war die Brücke, die in den 70-er Jahren Heine auf die Bühnen Deutschlands zurück brachte. Es war das Leitmotiv der Liedermacher in der Zeit nach 68. Die schöne Utopie: "Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten. ... Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen".